„Prima Facie“ (lat. „auf den ersten Blick“, „Anscheinsbeweis“) ist ein hochspannendes Monodrama über die Mechanismen der Rechtsprechung bei sexualisierter Gewalt. Die Solo-Performance zeigt die Verwandlung einer Frau von einer profilierten Akteurin des Systems zu dessen schärfster Kritikerin. Der Abend ist ein rasanter Mix aus kluger Komödie und erschütterndem Drama.
Tessa Ensler ist eine brillante Strafverteidigerin. Aus der Arbeiterklasse stammend, hat sie sich mit Fleiß, Biss und Mutterwitz an die Spitze der Londoner Anwaltswelt gekämpft. Sie ist darauf spezialisiert, Männer zu verteidigen, denen sexuelle Übergriffe vorgeworfen werden. Für sie zählt nicht die moralische Frage, sondern allein die juristische Wahrheit: Kann die Staatsanwaltschaft die Schuld zweifelsfrei beweisen? Die Zweifel in der Anklage nutzt sie wie eine Waffe.
Dann wird sie selbst zum Opfer. Nach einem feuchtfröhlichen Abend wird ihr Kollege Julian übergriffig. Tessa erstattet Anzeige und steht plötzlich auf der anderen Seite des Zeugenstands. Sie erlebt, dass das Rechtssystem, an das sie geglaubt hat, nicht auf die gelebte Erfahrung von Frauen ausgerichtet ist. Ihre Glaubwürdigkeit wird mit genau jenen Methoden zerlegt, die sie selbst jahrelang erfolgreich angewandt hat. Das Stück endet nicht mit einem klassischen Sieg, sondern mit einem flammenden Appell gegen ein veraltetes System.
